Vorabdruck: “Der gescheitere Aufstand”

Bernd Langer
Berdn Langer, Kundgebung Friedhof der Sozialisten in Friedrichsfelde Januar 2015

27. Oktober, 16 Uhr, Antiquariat Prometheus: Multimediavortrag
28. Oktober, 16 Uhr, Ehrenfriedhof: Hauptptredner auf der Gedenkkundgebung

In der “jungen welt” erschien jüngst ein Vorabruck aus Bernd Langers neuem Buch: Die Flamme der Revolution. Deutschland 1918/19. Um das interessierte Wilhelmshavener Publikum “anzufüttern” und es sich schon mal einlesen kann, veröffentlichen wir hier den Arikel.

Der gescheiterte Aufstand
Vorabdruck. Im Januar 1919 kam es in Berlin zu bewaffneten Kämpfen zwischen revolutionären Arbeitern und Soldaten der SPD-Regierung unter Friedrich Ebert

“jungen welt vom 26.09.2018”

Während revolutionäre Wortführer Reden schwingen, wächst bei der Basis in den Betrieben die Unzufriedenheit. Seit dem 9. November 1918 hat sich für die Arbeiterschaft nichts Grundsätzliches verändert. Gut, man lebt nun in einer Republik, aber die Waffenstillstandsbedingungen haben nicht einmal ein Ende der Hungerblockade gebracht. Nach wie vor herrscht bittere Not, bereits Ende November kommt es erneut zu einer größeren Streikwelle. Forderungen nach der Sozialisierung der Großbetriebe werden lauter, und vor allem die Ernährungslage soll endlich verbessert werden! Nach dem Sieg in den Weihnachtskämpfen geistert das geflügelte Wort von der »zweiten Revolution« durch die proletarischen Massen, während die SPD gemeinsam mit dem alten Beamtenapparat und dem Militär die Revolution anscheinend zurückdrängen will: Seit Tagen ist in Berlin bekannt, dass im Umland Freikorpsverbände aufgestellt werden.

Eine militärische Konfrontation scheint der revolutionären Bewegung unausweichlich, die Machtfrage muss erneut gestellt werden. Es fehlt nur der Anlass, der sich dann aber indirekt durch den Rückzug der USPD-Vertreter aus allen Regierungsämtern ergibt.

Versuch der Machtübernahme

Anfang Januar 1919 halten die Linken in Berlin noch eine letzte Machtposition: Auf dem Stuhl des Polizeipräsidenten sitzt nach wie vor der vom Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte eingesetzte Emil Eichhorn. Die USPD hat ihn mittlerweile auch als Spitzenkandidaten zur Nationalversammlung aufgestellt.

Eichhorn hat keine Berührungsängste mit der gerade erst gegründeten KPD und rüstet Revolutionäre mit Waffen aus. Für seine Sicherheitswehr bestellt er beispielsweise 15 Maschinengewehre. »Die preußischen Volksbeauftragten (die Regierung, jW) hielten es für unmöglich, dass Eichhorn an der Spitze des Polizeipräsidiums bleiben könne. Polizeipräsident war nun einmal einer der wichtigsten politischen Beamten. Sie verlangten deshalb Rechenschaft über seine Haltung. Eichhorn lehnte es ab, über seine politischen Auffassungen Rechenschaft zu geben.«¹ Daraufhin verfügt der preußische Innenminister am 3. Januar die Amtsenthebung Eichhorns, die vom Zentralrat gebilligt wird. Eichhorn weigert sich zurückzutreten, woraufhin Revolutionäre Obleute (von den Gewerkschaften unabhängige, in den Betrieben frei gewählte Vertrauensleute, jW), USPD und KPD zu einer Solidaritätskundgebung für Sonntag, den 5. Januar aufrufen.

Für diese Demonstration mobilisieren die Obleute die »Schwarzen Katzen«. »Die in den Betrieben gebildeten bewaffneten Stoßtrupps (›schwarze Katzen‹ genannt, gegenüber den ›weißen Katzen‹, die den Kurierdienst zu leisten hatten), sollten bei der Demonstration bewaffnet erscheinen, um einem Überfall durch die Regierungstruppen entgegentreten zu können.«² In der Nacht holen Hunderte ihre Waffen aus den Verstecken.

Man hat am 9. November den Kaiser verjagt und vor wenigen Tagen in den Weihnachtskämpfen gesiegt. Jetzt gilt es, die Revolution noch einmal voranzubringen.

Mehr als 150.000 Demonstranten ziehen ab 14 Uhr von der Siegesallee durch das Brandenburger Tor zum Polizeipräsidium am Alexanderplatz. Was sich abspielt, gleicht mehr einem Aufmarsch als einer Demonstration, denn große Gruppen bewaffneter Revolutionäre, die ernst machen wollen, prägen das Bild.

Nachdem die Aufständischen das Vorwärts-Gebäude in ihrer Hand haben, folgen im Laufe des späten Nachmittags bzw. der Nacht das Verlagshaus Mosse, der Ullstein-Betrieb, der Scherl-Verlag und das Wolffsche Telegraphenbüro. Die großen Verlagsgebäude im Zeitungsviertel sind damit unter Kontrolle der Aufständischen, die weiter bestrebt sind, ihre Aktionen auszuweiten. Bis in die Morgenstunden hinein sind in der Innenstadt bewaffnete Gruppen auf der Suche nach geeigneten Objekten unterwegs. Wieder geschieht alles ohne Leitung und Koordination.

In Eigeninitiative haben die Aktivisten der Straße den Aufstand auf die Tagesordnung gesetzt. Durch ein schnelles, zielgerichtetes Vorgehen könnte in Berlin die Macht übernommen und dadurch ein Vorbild für andere Städte und Regionen gegeben werden. Allerdings bedarf es dazu einer revolutionären Organisation und Führung, weshalb sich am Abend des 5. Januar im Polizeipräsidium 86 Männer einfinden. Anwesend sind unter anderem Karl Liebknecht, Wilhelm Pieck, Richard Müller und Ernst Däumig. Es herrscht eine emotional aufgewühlte Stimmung. Vor allem Heinrich Dorrenbach bringt gern geglaubte Gerüchte in die Runde: »Es hieß, dass außer der Arbeiterschaft auch die Berliner Garnison durchweg auf unserer Seite stünde. Nicht nur die Volksmarinedivision, sondern ziemlich sämtliche Regimenter seien bereit, an der Seite der Berliner Arbeiterschaft zum Sturze Ebert-Scheidemanns (Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann; Mitglieder des Rats der Volksbeauftragten, jW) die Waffen zu ergreifen. (…) Wir erhielten dann auch die Nachricht, dass in Spandau große Massen für uns bereit ständen, um uns nötigenfalls zu Hilfe zu eilen mit 2.000 Maschinengewehren und 20 Geschützen.«³ Warnende Berichte zweier Soldatenräte, dass nach den Erfahrungen der letzten Wochen mit einer Unterstützung durch die Berliner Truppen nicht zu rechnen sei, werden von den Versammelten ignoriert. Auch der Hinweis Müllers und Däumigs auf die katastrophalen Folgen eines verfrühten und isolierten Vorgehens in Berlin findet kein Gehör. Bei der folgenden Abstimmung sind nur Richard Müller, Ernst Däumig und vier weitere Obleute gegen den Aufstand.

Es wird ein Aufruf verfasst: »Arbeiter! Soldaten! Genossen! Mit überwältigender Wucht habt ihr am Sonntag euren Willen kundgetan, dass der letzte bösartige Anschlag der blutbefleckten Ebert-Regierung zuschanden gemacht werde. Um Größeres handelt es sich nunmehr. Es muss allen gegenrevolutionären Machenschaften ein Riegel vorgeschoben werden! Deshalb heraus aus den Betrieben! Erscheint in Massen heute elf Uhr vormittags in der Siegesallee! Es gilt die Revolution zu befestigen und durchzuführen. Auf zum Kampfe für den Sozialismus! Auf zum Kampfe für die Macht des revolutionären Proletariats! Nieder mit der Regierung Ebert-Scheidemann!«4

Am Ende konstituiert sich aus der Versammlung ein 53-köpfiger »provisorischer Revolutionsausschuss«, der hauptsächlich aus Obleuten besteht, dessen Spitze aber drei gleichberechtigte Vorsitzende bilden: Georg Ledebour (USPD), Karl Liebknecht (KPD) und Paul Scholze (Obleute).

Der Ausschuss soll nach dem siegreichen Umsturz die Regierungsgeschäfte übernehmen und später durch einen allgemein gewählten Arbeiter- und Soldatenrat ersetzt werden. Es wird beschlossen, dass der Revolutionsausschuss von nun an ununterbrochen im Marstall tagt. Demgegenüber gilt es auch für die SPD-Regierung, schnell zu handeln. Da ihr im ersten Moment weder Polizei- noch Militärtruppen zur Verfügung stehen, mobilisiert sie ihre Anhängerschaft. So rufen SPD und revolutionäre Linke unter gegensätzlichen Vorzeichen für den kommenden Tag zu Generalstreik und militanten Aktionen auf.

Wartende Massen

Am 6. Januar 1919 sind mehr als 250.000 Menschen auf den Straßen, bewaffnet oder Waffen fordernd. Die proletarischen Massen, die in Richtung Polizeipräsidium ziehen, glauben, diesmal eine Führung zu haben – was sich erneut als Trugschluss erweisen wird. Denn während die Aktivisten vor Ort vergeblich auf die Bekanntgabe konkreter Kampfziele warten, herrscht beim Revolutionsausschuss Konzeptlosigkeit.

Da sich keine militärischen Einheiten dem Aufstand anschließen, geht die Initiative automatisch auf die einzelnen Anführer der Schwarzen Katzen, des Roten Soldatenbundes, der Deserteure und ähnlicher Zusammenhänge über, die auf eigene Faust weitere Besetzungen durchführen. Handstreichartig, ohne große Gegenwehr und Blutvergießen, gelangen wichtige staatliche Gebäude wie die Reichsdruckerei, der Schlesische Bahnhof (heute Ostbahnhof), der Anhalter und der Potsdamer Bahnhof, die Eisenbahndirektion und das Haupttelegrafenamt unter die Kontrolle der Rebellen. Im Laufe des Tages wird ferner das Verlagshaus Büxenstein in der Friedrichstraße besetzt.

Als die Aufständischen auf das Gelände der Garde-Pionier-Kaserne in der Köpenicker Straße vorstoßen wollen, kommt es zum ersten blutigen Gefecht. Nur unter Einsatz von 10,5-Zentimeter-Geschützen gelingt es, die Gardepioniere zu überwältigen. Nachdem die Kaserne gestürmt ist, werden die Magazine aufgebrochen und Waffen, Lebensmittel und Material vergesellschaftet.

Aber der Aufstand bleibt die Sache einer Minderheit. Das deutet sich bereits am Vormittag des 6. Januar an, als große Demonstrationszüge von SPD-Anhängern zum Reichskanzlerhaus in der Wilhelmstraße strömen, um die Republik und die Regierung gegen einen linksradikalen Umsturz zu schützen. Diese Demonstranten wollen Ruhe, Ordnung, Sicherheit und fordern – Waffen.

»In der Umgebung dieses Viertels konnte der staunende Passant, so zum Beispiel in der Leipziger Straße, sehen, dass zwei Züge aneinander vorbeimarschierten und sich nichts taten, trotzdem die einen ununterbrochen im Chore riefen: ›Nieder mit Scheidemann! Nieder mit Ebert! Hoch die Weltrevolution!‹ und die anderen ›Nieder mit Liebknecht! Nieder mit Spartakus! Hoch die Demokratie! Hoch der Sozialismus!‹ Dieses friedliche Nebeneinander zeigte, dass keine Richtung wusste, welche die stärkere war.«5

Große Teile des Stadtzentrums sind mittlerweile vom Aufstand erfasst, jedoch gibt es keine geschlossene Frontlinie aus Barrikaden und Absperrungen mit einem dahinterliegenden kon­trollierten Gebiet. Vielmehr hat sich der Wirrwarr spontaner Besetzungen einfach ausgebreitet. Die Situation ist unübersichtlich, überall sind bewaffnete Trupps unterwegs, nur hier und da trifft man auf Sicherungsposten. Allgemein kann man sich frei bewegen; einige Gegenden der Stadt werden gar nicht von den stürmischen Ereignissen erreicht.

Brennpunkt Zeitungsviertel

Die Revolutionäre sind intuitiv vorgegangen, und nur die Besetzung der Bahnhöfe und einiger Kreuzungen haben strategischen Wert. Hingegen bleiben das gesamte Regierungsviertel und die Kasernen in der Hand der Regierung, was von ausschlaggebender Bedeutung ist. Die Verlagshäuser im Zeitungsviertel bilden eher zufällig das Zentrum des Okkupationsgebietes.

Natürlich ist die Besetzung der großen Verlagshäuser und Druckereien, der »Lügenzentralen«, nachvollziehbar, da Zeitungen das einzige Massenmedium der Zeit sind. Allerdings kann nicht einmal die Flut der Regierungspropaganda wirkungsvoll eingedämmt werden, denn in der Stadt existieren genügend kleinere Druckereien, die nur allzu gerne Regierungsaufträge übernehmen. Einen praktischen Nutzen aus ihren Aktionen haben die Besetzer deshalb lediglich durch die Herausgabe eigener Zeitungen und Flugblätter, die sie mit den enteigneten Produktionsanlagen herstellen.

Die Verteidigung der besetzten Gebäude wird aus spontan zusammengewürfelten Gruppen unter schnell ernannten Kommandeuren improvisiert. Die Kämpfer sind völlig unterschiedlich motiviert und nur mit großen Schwierigkeiten überhaupt unter ein militärisches Kommando zu stellen; über Befehle wollen sie vielerorts erst einmal diskutieren. Eine zentrale Struktur mit Leitungs- und Weisungsbefugnissen, die unter diesen Voraussetzungen absolut notwendig wäre, fehlt. So zeigt sich schnell, dass die Revolutionäre, ausgerüstet mit Gewehren und einigen Maschinengewehren, lediglich in der Lage sind, eine Revolution anzufachen, aber nicht, sie militärisch durchzukämpfen.

Während der Aufmarsch der Regierungstruppen um Berlin beginnt, erklärt die Verhandlungskommission der USPD gegenüber Scheidemann, dass der Revolutionsausschuss grundsätzlich zur Freigabe der Zeitungsgebäude mit Ausnahme des Vorwärts-Hauses bereit sei. Doch die SPD-Regierung besteht auf der Freigabe sämtlicher Gebäude, bevor überhaupt über Verhandlungen gesprochen werden kann. Zu Kompromissen sind Ebert und seine Leute nicht mehr bereit. Am Abend des 8. Januar erklärt der Vermittlungsausschuss die Verhandlungen, die von vornherein eine Farce waren, für gescheitert.

Bereits am Abend zuvor ist das Regiment Potsdam, ausgerüstet mit schweren Maschinengewehren und zwei Batterien Artillerie, für den Sturm auf das Vorwärts-Gebäude in die Moabiter Kasernen eingerückt.

Die Regierung verbreitet indes ein Flugblatt, in dem es unter der Überschrift »Mitbürger!« heißt: »Spartakus kämpft jetzt um die ganze Macht. (…) Wo Spartakus herrscht, ist jede persönliche Freiheit und Sicherheit aufgehoben. Die Presse ist unterdrückt, der Verkehr lahmgelegt. Teile Berlins sind die Stätten blutiger Kämpfe. Andere sind schon ohne Wasser und Licht. Proviantämter sind gestürmt. Die Ernährung der Soldaten und Zivilbevölkerung wird unterbunden. Die Regierung trifft alle notwendigen Maßnahmen, um diese Schreckensherrschaft zu zertrümmern und ihre Wiederkehr ein für allemal zu verhindern. Entscheidende Handlungen werden nicht mehr lange auf sich warten lassen. Es muss aber gründliche Arbeit getan werden und die bedarf der Vorbereitung. Habt nur noch kurze Zeit Geduld. Seid zuversichtlich, wie wir es sind, und nehmt euren Platz entschlossen bei denen ein, die euch Freiheit und Ordnung bringen werden. Gewalt kann nur mit Gewalt bekämpft werden. Die organisierte Gewalt des Volkes wird der Unterdrückung und der Anarchie ein Ende machen. Einzelerfolge der Feinde der Freiheit, die von ihnen in lächerlicher Weise aufgebauscht werden, sind nur von vorübergehender Bedeutung. Die Stunde der Abrechnung naht! Berlin, 8. Januar 1919, Die Reichsregierung: Ebert, Scheidemann, Landsberg, Noske, Wissell.«6

Am gleichen Tag werden aus dem Freiwilligen Helferdienst der SPD, das Regiment Reichstag (so genannt, weil es direkt im Reichstag stationiert ist) und das Regiment Liebe (benannt nach dem Truppenführer, Unteroffizier Liebe) gebildet. Außerdem unterstehen der Reichskanzlei bzw. der Kommandantur noch Teile der Republikanischen Soldatenwehr. Neben diesen Verbänden verfügt Ebert über einige Freikorpseinheiten in der Stadt, die größte ist der Freiwilligenverband Reinhard mit 2.500 Soldaten. Auch die Soldaten in den Garnisonen stellen sich der Regierung zur Verfügung, allen voran die so unschuldig Maikäfer genannten Gardefüsiliere, die in ihrem Kasernenhof am 9. November vier Revolutionäre niedergeschossen hatten.

So wird die Blutarbeit im Januaraufstand nicht von den Freikorps verrichtet, sondern es sind aus Sozialdemokraten bestehende Einheiten sowie das Regiment Potsdam und die Maikäfer, welche die Kämpfe führen.

Ohne die Aufkündigung der Waffenruhe abzuwarten, erstürmen Regierungssoldaten am 8. Januar die Eisenbahndirektion, den Potsdamer sowie den Anhalter Bahnhof. Wenig später rufen die Linken für den 9. Januar erneut zu Generalstreik und Demonstrationen auf. Auch wenn dem Appell weitgehend Folge geleistet wird, wollen doch erhebliche Teile des Proletariats ein Ende des Blutvergießens. Der Arbeiter Julius Ludwig erinnert sich: »Zwar wurde in den Berliner Betrieben der Generalstreik geschlossen durchgeführt, zwar standen auf den Straßen Arbeiter bereit zum Kampf, aber es herrschte (…) völlige Unklarheit über das, was zu tun war. Müde des planlosen Umherirrens (…), ohne genügende Kenntnisse der wirklichen Lage, mehrten sich die Stimmen, die die Losung aufgriffen: ›Schluss mit dem Brudermord – Einigung der Arbeiter ohne die Führer!‹«7

Ungleicher Kampf

Von allen Besetzungen ist die des Vorwärts am symbolträchtigsten. Das große fünfstöckige Gebäude ist von seinen Besetzern gut zur Verteidigung eingerichtet. Kommandant ist Karl Grubusch, Mitglied im Roten Soldatenbund, aus dessen Reihen die militärische Leitung insgesamt gestellt wird. Allerdings hat das Vorwärts-Gebäude einen entscheidenden Nachteil: Es gibt keine Fluchtmöglichkeiten. Einmal umstellt, kann niemand mehr entkommen. Am 10. Januar 1919 erhält Major von Stephani erneut den Befehl, mit seinem Regiment Potsdam das Verlagshaus einzunehmen.

Am 11. Januar um 4.30 Uhr morgens haben die Abteilungen des Regiments Potsdam ihre Ausgangsstellungen eingenommen. Um 5 Uhr belegen Geschütze den Belle-Alliance-Platz und das Hallesche Tor mit Störfeuer. Sofort ziehen Soldaten mit schweren Maschinengewehren nach, besetzen das Hallesche Tor und gehen auf den Dächern der umliegenden Gebäude in Stellung. Auf dem Belle-Alliance-Platz werden zwei Haubitzen zum Beschuss des Vorwärts plaziert. Doch der Angriff kommt in heftigem Gewehr- und Maschinengewehrfeuer unter Verlusten zum Erliegen.

Nach dem gescheiterten Sturmangriff verlegt sich Stephani auf die Beschießung des Gebäudes. Durch eine Granate, die in die Vorderfront einschlägt, wird die MG-Besatzung vor dem Haupteingang unter den Schuttmassen begraben. Mit dem Artilleriebeschuss schleichen sich kleine Kampfgruppen über die Dächer, und Scharfschützen bringen sich in Position, um mit mörderischer Präzision zu töten.

Während des Gefechts beobachten Soldaten eine zierliche Frau im Vorwärts, was zu dem Gerücht führt, Rosa Luxemburg würde dort an einem MG stehen. Tatsächlich handelt es sich um die Neuköllner Arbeiterin Anna Steinbring, die das letzte Maschinengewehr im Vorwärts-Gebäude bedient. Unter den Besetzern des Vorwärts stellen militante Linksradikale aus Neukölln unter Fritz Haberland die kampfstärkste 3. Kompanie. Karl Retzlaw schildert das Geschehen im Gebäude: »Am frühen Morgen begann der ungleiche Kampf, der nach einigen Stunden mit unserer Kapitulation endete. Die Regierungstruppen waren in der Dunkelheit von allen Seiten aufmarschiert und hatten in der Entfernung von 300 bis 400 Meter schwere Maschinengewehre, Geschütze und Minenwerfer in Stellung gebracht. Die Nachbarhäuser waren von Schützen besetzt worden, die auf den Dächern lagen oder hinter den Schornsteinen hockten. Die Schützen konnten von allen Seiten in die großen Fenster und die Höfe des großen Bürohauses hineinsehen und ein gezieltes Feuer auf die Verteidiger abgeben. Wir hatten bald mehrere Tote und Schwerverletzte, ohne dass wir einen gegnerischen Schützen sahen. Jetzt stellte sich zu unserer Bitterkeit heraus, dass der Vorwärts nicht von einer disziplinierten Kampfgruppe, sondern von protestierenden Demonstranten besetzt war, von denen die meisten jetzt erst begriffen, dass ein tödlicher Kampf im Gang war. Für die Nichtkämpfer war es jetzt zu spät, das Gebäude zu verlassen. Sie suchten Schutz in den Kellern und hinter den Papierrollen in der Druckerei. Wir hatten immer noch die Hoffnung, dass die Arbeiterschaft von Berlin uns beistehen würde. Seit Tagen gingen gern geglaubte Gerüchte unter der Vorwärts-Besatzung um, dass hunderttausend Arbeiter im Rücken der Noske-Truppen aufmarschieren würden. Noch in der letzten Nacht vor dem Angriff der Regierungstruppen hieß es, dass die Arbeiter der Schwartzkopff-Werke und ein nach Tausend zählender Zug bewaffneter Arbeiter aus Spandau zu unserer Hilfe in Anmarsch sei. Immer wieder glaubten wir, Signale im Rücken der Noske-Truppen zu hören. Es waren Illusionen.«8

Retzlaw weiter: »Der Verlauf des Kampfes war so primitiv, wie ein Kampf gegen eine erdrückende Übermacht sein kann. Die Noske-Truppen zerschossen mit schweren Maschinengewehren die Fensterscheiben und Fassaden des Vorwärts-Gebäudes und der benachbarten Häuser. Als wir uns nach zwei Stunden noch nicht ergeben hatten, begann das Artilleriefeuer der Regierungstruppen. Die Granaten durchschlugen die Wände, rissen Erker hinunter und hüllten das Gebäude in eine Staubwolke ein. In den Räumen war der Staub so dicht, dass wir vielfach nichts mehr sehen konnten, in einigen Räumen brach durch Treffer in die Gasleitungen Feuer aus. Jetzt begann eine Panik unter denen, die keinen Willen zum Widerstand hatten. Sie rannten durch die Korridore, ›Gas! Gas!‹ schreiend. Das Zimmer, in dem sich die Leitung der Besatzung befand, war von heftig Diskutierenden angefüllt, die Grubusch bestürmten, den Widerstand aufzugeben. Karl Grubusch und der Dichter Werner Möller erboten sich, eine Delegation als Parlamentäre zu führen, um über die Übergabe zu verhandeln. Weiße Tücher schwenkend verließen sieben Parlamentäre das Haus. Sie sollten niemals zurückkommen. Ihre verstümmelten Leichen sahen wir zwei Stunden später auf dem Hof der Dragonerkaserne in der Belle-­Alliance-Straße liegen. Zerschossen, zerstochen, zertrampelt lagen die Leichen allen sichtbar im Hof, lachende Noske-Truppen, zum Teil blutbespritzt, standen herum.«9

Mit der Einnahme des Vorwärts in den Mittagsstunden des 11. Januar 1919 haben die Regierungstruppen die Oberhand im Zeitungsviertel gewonnen. Die Ermordung der Parlamentäre und die viehische Behandlung der Gefangenen werden schnell bekannt. Daraufhin werden das Büxen­stein- und das Ullstein-Haus von ihren Besatzungen geräumt, wenig später folgt der Scherl-Verlag. Um dieselbe Zeit lichten sich auch die Reihen im Mosse-Haus. Nur der revolutionäre Kern bleibt zurück und will weiterkämpfen.
Niederlage

Einen letzten Erfolg haben die Revolutionäre vor dem Tor in der Schützenstraße. Dort gelingt es, einen Lkw der Regierungstruppen mit einer Handgranate außer Gefecht zu setzen. Der Beifahrer wird dabei getötet, der Fahrer gerät in Gefangenschaft. Nachdem die Papierballen zur Seite geräumt sind, wird das Fahrzeug in das Haus geschoben. Auf der Ladefläche befindet sich eine größere Menge Munition. Jetzt können die MGs aus dem Mosse-Haus wieder feuern. Lange reicht der Vorrat nicht.

Trotz der aussichtslosen Situation unterliegen die Vertreter der Freien Sozialistischen Jugend bei der entscheidenden Abstimmung. Vor allem ein paar revolutionäre Matrosen wollen lieber kämpfend sterben, als ihre Posten freiwillig zu räumen. Die Jugendlichen lassen sich jedoch nicht mehr mitreißen. »Inzwischen bemühten sich andere, Pässe, Personalausweise und Mitgliederlisten einzuziehen und zu vernichten. Gegebenenfalls sollte nichts, was zur Überführung von Personen dienen konnte, den Angreifern in die Hände fallen. (…) Die Jugend brachte ihre letzten Angelegenheiten in Ordnung, beseitigte letzte Spuren (…) zerschlug ihre Waffen und ging durch einen bisher verborgen gehaltenen Seitenausgang über doppelte Höfe, durch mit Kisten und Gerümpel verbarrikadierte Ausgänge, nach der Zimmerstraße ins Freie. Es war inzwischen dunkel geworden. (…) Wir gingen einzeln in Abständen und markierten geängstigte Kleinbürger. (…) Es gelang uns, fast alle Jugendlichen, die sich noch im Gebäude befanden, im Straßendunkel unter solchen Umständen aus dem Mosse-Haus herauszubringen.«10

Die verbliebenen Verteidiger werden kurze Zeit später überwältigt. Es folgen Misshandlungen und lange Gefängnisstrafen. So endet der 12. Januar im Zeitungsviertel. Nur wenige Stunden zuvor ist Gustav Noske an der Spitze der Garde-Kavallerie-Schützendivision in Berlin einmarschiert.

Anmerkungen:

1 Hermann Müller: Die Novemberrevolution: Erinnerungen, Berlin 1928, S. 248

2 Wilhelm Pieck, zit. n. Vorwärts und nicht vergessen. Erlebnisberichte aktiver Teilnehmer der Novemberrevolution 1918/1919, Berlin 1958, S. 69

3 Aussage von Georg Ledebour in seinem Hochverratsprozess, zit. n. Paul Frölich/u. a.: Illustrierte Geschichte der deutschen Revolution, Berlin 1929, S. 274

4 Zit. n. Sebastian Haffner: Der Verrat. Deutschland 1918/1919, Berlin 1995, S. 126

5 Hermann Müller: Die Novemberrevolution: Erinnerungen, Berlin 1928, S. 255

6 Zit. n. Paul Frölich/u. a., a. a. O., S. 277

7 Zit. n.: Alfred Loesdau/Heinz Schmidt: Die Januarkämpfe 1919, Berlin 1960, S. 29

8 Karl Retzlaw: Spartakus: Aufstieg und Niedergang. Erinnerungen eines Parteiarbeiters, Frankfurt a. M. 1974, S. 129

9 Ebd., S. 130

10 Die Junge Garde 7 (1925), Nr. 10. zit. n. Zur Geschichte der Arbeiterjugendbewegung in Deutschland. Eine Auswahl von Materialien und Dokumenten aus den Jahren 1904–1946, Berlin 1956, S. 76 f.

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