»Die sozialistische Republik, sie lebe hoch, hoch, hoch!«

Der „Freiheitssonntag“ in Wilhelmshaven, 10. November 1918

In dem Buch „Vier Monate Revolution in Wilhelmshaven“ von Josef Kliche (Rüstringen 1919) wird über die große Kundgebung am „Freiheitssonntag“, 10. November 1918 berichtet. Der „Arbeiter-und Soldatenrat“ hatte zur Teilnahme an der Großkundgebung aufgerufen: »Kommt alle, alle! Mit uns das Volk! Mit uns der Sieg! Es lebe die Freiheit!«

“Und dieser Ruf an das Werktätige Volk blieb nicht ungehört. In dichten Scharen strömte die Arbeiterschaft in den Vormittags Stunden nach dem genannten Platz.1 Mann und Frau eilten zu der Riesenkundgebung. In endlosen Zügen marschierten die Soldaten, die Musik an der Spitze. Weit über 100.000 hatten sich gegen 11:00 Uhr eingefunden. Es war schönstes Sonntagswetter. Mehr als 100 rote Fahnen wehten über den Massen, die gekommen waren, um zum Bau einer besseren Zukunft beizutragen. Verschiedene Rednertribünen waren errichtet. Von der Haupttribüne sprach Bernhard Kuhnt. Er führte folgendes aus:

»Werte Genossen! Als Vorsitzender des gemeinsamen Arbeiter und Soldatenrates bin ich beauftragt worden, heute hier vor ihnen zu sprechen. Große Umwälzungen haben sich in den letzten Tagen vollzogen. Der letzte Stoß an dem alten morschen Staat soll ausgeführt werden. Schwere Wunden hat dieser Staat hinterlassen: Armut, Trauer, Tote, Krüppel.

In gewaltiger Zahl seid ihr hier erschienen; wohl über 100.000 stehen hier. Ein viel größeres her würde es sein, wenn all die Toten, die der kapitalistische Staat verschuldet hat, hinter unserer Fahne marschieren könnten.

Wir müssen den Zeiten folgen: die Revolution hat sich durch schweres Klopfen angemeldet. Wir müssen daran denken, unser Deutschland zu gestalten als ein herrliches Deutschland. Und da gibt es nur einen Weg; nur ein Weg führt dazu: alle Volkskräfte müssen sich zusammenfinden, um aufzubauen auf der Grundlage der Sozialistischen Republik.

In diesem Revolutionskampf war es die Marine, die den letzten Anstoß zu ihm gegeben hat. All diese braven appellierten an das deutsche Volk. Es waren die jugendlichen Idealisten Reichpietsch und Köbes, die der Tross des Kapitalismus und Militarismus vor Jahresfrist getötet hat. Reichpietsch und Köbes wurden erschossen. Heute stehen wir Ihr. Die Getöteten haben mit ihrer Tat ein herrliches Opfer gebracht. Wir danken Ihnen. Durch ihre Tat ist die Willenskraft gehoben zu neuem Werk, das nicht mehr gemindert werden kann. Und so zieht sich jetzt die Revolutionswelle über ganz Deutschland. Überall waren die blauen Jungen erschienen und erhoben das rote Banner, das Symbol des Sozialismus.

Jetzt heißt es handeln, jeder an seiner Stelle! Wir haben die Macht. Alles – ob Munition, ob Nachrichtendienst, ob Behörden – alles haben wir an uns gerissen.

So ist die Stunde da, in der wir handeln müssen. Und nach einer ernsten, langwierigen und eingehenden Beratung in dieser Nacht haben wir deshalb wieder versucht, einen großen Stein vom Wege zu heben. Wir müssen schnell arbeiten; der Schmerzcents Tage waren es genug. Der 21er Ausschuss hat in dieser Nacht einstimmig beschlossen, hier die Nordseestation und alle umliegenden Inseln und Marineteile sowie das dazugehörige ganze Oldenburger Land solle sozialistischen Republik zu erklären!

Der Großherzog es abgesetzt!
Das ist das, was wir wollen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Das ist keine Phrase. Heute sehen wir es. Wenn wir einig sind, dann sind wir stark! Und so wollen wir vereint weiterarbeiten. Die Riesenarbeit kommt noch. Jetzt heißt es aufbauen. Und deshalb wollen wir auch keine großen Reden halten sondern an die Arbeit gehen. Es sind jetzt Stunden des Handelns und nicht Stunden der Worte. Deshalb schließe ich: wir wollen uns Vereinen in der Sozialistischen deutschen Republik. Die sozialistische Republik, sie lebe hoch, hoch, hoch!«

Begeistert nahmen die Massen das Hoch auf. Nach Kuhnt sprachen noch andere Arbeiterführer. Auch sie feuerten die versammelten mit markigen begeisterten Worten an, der sich irgendwo zeigenden Reaktion mutig die Stirn zu bieten. Denn noch seien Gefahren vorhanden. Gefahren, die starke Feinde von Recht, Freiheit und Gerechtigkeit seien. Darum gelte es in den kommenden Tagen Herz und Kopf hoch zu halten.
Hierauf intonierte die Musik den Sozialistenmarsch. Entblößten Hauptes hörten die Anwesenden diesen an. Um diese Zeit wurden von allen staatlichen Gebäuden, den Kasernen und den im Hafen liegenden Schiffen die alten Reichsfarben und die Kriegsflagge heruntergezogen, an ihrer Stelle stieg gleich darauf das rote Freiheitspartei. Auf der Rede gaben die Schiffskanonen ihren sein Blut. Signalraketen zwischen hoch. Eine Anzahl Kampfflieger warfen Flugblätter auf die Massen. Ein großer, erhabener überwältigender Augenblick.” (Seite 18 f)

(Zitiert nach: Büsing, Kramer, „… das Volk vom Elend zu erretten“, Seite 112 und 114; Historischer Arbeitskreis des DGB Wilhelmshaven Bd. 4, Wilhelmshaven 1988, ISSN 0179 – 0366)

1 Damals der Platz hinter der Groden Schule.Heute das bebaute Gelände östlich der Gökerstraße in Höhe der Diskothek „Casablanca“, Gökerstraße 152.

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